Wie ein Bild entsteht: Am Tage vorher die weiße Leinwand und nachts alle ldeen und fertigen Bilder drauf, und dann weiß man’s ganz genau und könnte gleich aufstehen und losmalen, so einfach ist das. Wenn man’s täte. Am anderen Morgen Frühstück, Zeitung, Blick auf den leeren Horizont oder die belebte Straße, wo es aber auch nichts oder alles zu imaginieren gibt, und dann jedesmal, wie bei allen anderen Bildern, voll Neugier und Erwartung zurück an die leere Leinwand, die sich einem nach allen Seiten hin verführerisch anbietet. Alle Entscheidungen sind noch möglich, manchmal sogar die verlockende, das Weiß weiß zu lassen und höchstens mit der bloßen Hand ein unsichtbares, weit interpretierbares und endlich phantasievolles Gebilde darauf zu zaubern. Schon noch der Wahl der ersten Farbe beginnt, neben der Zerstörung des Unberührten, die Unfreiheit. Ein dummer roter Punkt löst die erste Zwangsvorstellung aus. Man sollte, man darf doch nicht, man müßte jetzt…

Wenn ich noch wüßte, was ich nachts sah, aber das ist alles weggeschlafen, und das am Tage vorher beendete Bild ist schon weit fort, abgenabelt, hängt nebenan zum Trocknen, und das neue hat sein eigenes Abenteuer, sein unvergleichliches anderes Risiko. Da gibt es auch nichts zum Anknüpfen, keine Fortsetzung, Rezepte sind nicht anwendbar – außer, man sähe nur einen geraden Weg und wollte nie seine eigenen Nebenstraßen erkunden (…)

Zum Schluß kommt der Titel des Bildes. Ich lasse mir auch Namen schenken, wenn sie nicht zu genau sind. Sie sollen weder Erläuterung des Bildes sein noch überhaupt zu seinem Verstehen beitragen, eher wie die Münze im Fernsprechautomaten lediglich den Kontakt herstellen. Aber Komposition 17, Bild 13.9.60. ist mir zu wenig, da kann ich mich ja nicht mal an die Bilder erinnern. Daß mit “Notenblätter”, “Ufer im leichten Osten” oder “Luftuhr” ein offener Begriff gegeben ist, der präzisere und ausgedehnte Betrachtung zuläßt. Heinz Trökes zitiert aus: Wolfgang Rothe (Hrsg.) “Wegzeichen im Unbekannten. Neunzehn deutsche Maler zu Fragen der zeitgenössischen Kunst”. Heidelberg 1962.

“Das Verfahren zur Verbildlichung dieses Zwischenreichs ist der psychische Automatismus. Er läuft in drei Phasen ab. Anfänglich folgt der Maler in völliger Offenheit, ganz spontan und ohne auf irgend etwas Gegen-ständliches oder Abbildliches gerichtete Absicht den optischen und sinnlichen Lockungen, die der Flächengrund und die erste aktive Handlung auf ihm – das Setzen eines farbigen Flecks, die Spur einer Linie – hervorrufen. Er greift Andeutungen auf, läßt sich dann durch neue Assoziationen wieder ablenken, und macht auf diese Weise seine Leinwand „aktiv“. Mitten in dieser versunkenen Arbeit des Störens und Aus-gleichens, des Aufgreifens und Fallenlassens, in einem Zustand höchster Spannung, tritt der günstige Augenblick der Erhellung ein, in dem aus dem unbestimmten Gebilde ein Bild, eine Gestalt hervortritt und sich beharrlich durchsetzt. Diese Gestalt will zur Geburt. Die letzte Phase gilt dann der Ausarbeitung dieser aufgetauchten Gestalt. Ihre abschließende Definition erfolgt in einem gelassenen Dialog zwischen den aus dem Unbewußten und der Erinnerung herauf-tauchenden Erscheinungen und der geistigen und handwerklichen Intelligenz des Malers. Der Titel findet sich erst nach Abschluß der Arbeit ein. Er ist nur eine dichterische Metapher, die die poetische Inhaltlichkeit des Erschienenen anvisiert. Zitiert aus: Werner Haftmann,  Heinz Trökes. Bilder, Zeichnungen, Graphik. Ausst.Kat. Württembergischer Kunstverein, Stuttgart 1964